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Rock´n´Roll für das Gehirn – Die Macht des ersten Eindrucks

08 Nov 2018, Geschrieben von René Wasmund in Allgemein

Sie begegnen einem völlig fremden Menschen.

Was passiert in der ersten Sekunde, nachdem Sie ihn wahrgenommen haben? Und was bedeutet das für die weitere Beziehung, wenn es zu einem persönlichen Kontakt kommt?

Die Harvard-Professorin Amy Cuddy hat 15 Jahre lang quer durch alle Kulturen und über alle Kontinente hinweg den ersten Eindruck zwischen zwei Menschen erforscht.

Und sie ist dabei zu eindeutigen Ergebnissen gekommen, die durch aktuelle Studien gestützt werden.

Zwei alles entscheidende Fragen

Demnach manifestiert sich der erste Eindruck von einem bislang fremden Menschen schon in den ersten 100 Millisekunden nach dem Zusammentreffen, und zwar mit der Beantwortung von nur zwei Fragen, die durch unser Unterbewusstsein eingespielt werden:

1. Kann ich meinem Gegenüber vertrauen?

2. Ist mein Gegenüber kompetent?

Verneinen wir die erste Fragestellung, spielt die zweite nur noch eine untergeordnete Rolle.

Vertrauen als Überlebensgebot

Ob wir jemanden als Freund oder Feind betrachten, wird also in erster Linie davon bestimmt, ob wir unserem Gegenüber vertrauen können – oder anders ausgedrückt: ob wir ihm über den Weg trauen können.

Für einen Höhlenmenschen war es elementar, blitzschnell eine Entscheidung darüber zu treffen, ob mit einem Fremden eine Unterhaltung möglich sein wird, ob er in den nächsten Sekunden mit einem Angriff zu rechnen hat oder ob der Fremde von einem Rudel hungriger Wölfe verfolgt wird und dadurch eine Gefahr entstehen könnte.

Das tief unserem Unterbewusstsein verankerte Urprogramm der Entscheidung über Vertrauen oder Rivalität hat sich trotz der über die Jahrtausende deutlich verbesserten Überlebensbedingungen für Menschen erhalten und hilft uns bis heute, Handlungsoptionen zu wählen, die bei Begegnungen zwischen Menschen über Unversehrtheit und Leben oder Verletzung und Tod entscheiden.

Haben wir uns dafür entschieden, unserem Gegenüber zu vertrauen, schließt sich die Frage nach der Kompetenz an.

Kompetenz ergänzt Vertrauen

Dahinter steckt die Überlegung, wie kreativ, intelligent, nützlich und verantwortungsvoll der Fremde ist.

Gestehen wir ihm Kompetenzen zu, die uns hilfreich und nützlich erscheinen, ist die Entscheidung gefallen, ob es mehr Kommunikation geben kann als nur einen flüchtigen Blick.

Schon zu diesem Zeitpunkt haben wir uns ein erstes vollständiges Bild von unserem Gegenüber gemacht und ihm eine Vielzahl von Charaktereigenschaften und Fähigkeiten zugeordnet.

Erster Eindruck als Spiegel der Wahrheit

Belegt ist auch, dass der erste Eindruck über den Charakter und das Auftreten in den allermeisten Fällen mit der Selbsteinschätzung des Gegenübers übereinstimmt.

Es macht auch keinen großen Unterschied, ob man eine Person nur wenige Sekunden sieht oder ein halbstündiges Interview mit ihr führt. Die US-Forscher Janine Willis und Alexander Todorov fanden heraus, dass sich lediglich die Sicherheit über das Urteil ändert, wenn mehr Zeit für eine Einschätzung zur Verfügung steht. Und dort heißt es auch, dass der erste Eindruck über eine Person in aller Regel bei vielen Beobachtern identisch ist. Also dürfte jemand, der einem anderen Menschen auf Anhieb sympathisch ist, die gleiche Empfindung auch bei anderen Menschen hervorrufen.

Extrem wichtig für das Verständnis über die Entstehung des ersten Eindrucks ist der Zusammenhang zwischen Vertrauen und Kompetenz:

Keine Kompetenz ohne Vertrauen

Kompetenz ist ohne Vertrauen kaum etwas wert. Wir gestehen anderen Menschen erst Kompetenzen zu, wenn wir ihnen vertrauen.
Wer kalt und unnahbar wirkt, weil er seine Persönlichkeit mit allen starken und empfindlichen Seiten nicht genug in Beziehungen einbringt, wird es schwerer haben, das Vertrauen seiner Mitmenschen zu gewinnen.

Menschen, die glauben, dass lediglich ihre Kompetenz für eine erfolgreiche Beziehung zu Mitmenschen entscheidend sei, irren. Selbst, wenn sie hervorragende Arbeit leisten und die Fähigkeit besitzen, Ihre Arbeitsergebnisse ansprechend zu präsentieren, wird man ihnen erst Bewunderung schenken, wenn ausreichend Vertrauen vorhanden ist.

Wie können Sie schon beim ersten Eindruck Vertrauen gewinnen?

  1. Blickkontakt
    Ein offener, einladender Blick, der gehalten und mit einem Lächeln untermalt wird, signalisiert dem Gegenüber ein ehrliches Interesse und ist die Grundvoraussetzung für Sympathie.
  2. Stimme
    Mit Ihrer Stimme zeigen Sie viel von Ihrem Seelenzustand – sie übermittelt das, was Sie nach innen fühlen, direkt an Ihr Gegenüber. Die Stimme ist ein markanter Hinweis darauf, ob wahrhaftiges Interesse vorliegt oder ob es gute Gründe dafür gibt, seinem Gegenüber zu misstrauen.
  3. Geruch
    Die Wahrnehmung über den Geruchssinn ist schneller als alle anderen Sinne – nicht umsonst heißt es im Volksmund: „Ich kann Dich gut riechen“ – oder eben nicht. Ob ein Körpergeruch angenehm ist oder nicht, ist eine vollkommen individuelle Entscheidung.
  4. Kleidung
    Auch das Auge ist schneller als das Ohr – legen Sie Wert auf ein gepflegtes Äußeres und eine gute Körperhaltung. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, als sympathisch und vertrauensvoll erkannt zu werden.

Was können Sie noch für eine nachhaltige Vertrauensbasis tun?

  • Reden Sie viel und bieten Sie Ihren Mitmenschen eine angstfreie Gesprächskultur.
  • Gönnen Sie sich einen klaren Standpunkt und stehen ehrlich dazu.
  • Seien Sie neugierig und zeigen Sie ernsthaftes Interesse am Tun Ihrer Mitmenschen.
  • Geben Sie großzügig Wissen und Kontakte weiter.
  • Entschuldigen Sie sich auch für Dinge, die gar nicht in Ihrer Verantwortung liegen.

Nun, da Sie jetzt ganz genau wissen, worauf es in den ersten Sekunden beim Kennenlernen ankommt, wünsche ich Ihnen viel Freude dabei, neue Beziehungen zu knüpfen und frischen Wind in diejenigen zu bringen, die Sie schon haben.